Tour de France: Macht, Autorität und die Wirkung einer Marke
Die Tour de France, und damit der gesamte Radsport, steckt im Dopingstrudel. Kein Tag vergeht, an dem nicht Sportjournalisten und solche, die sich dafür halten, einen “Systemwechsel” zumindest im Radsport, am besten aber gleich im ganzen Leistungssport, einfordern.
Wer nun schon einmal etwas von einer Disziplin wie Change Management gehört hat, der weiß, dass die grundlegende Änderung eines komplexen Systems, an dem tausende von Menschen beteiligt sind, nicht ganz trivial ist.
Change Management = Eine umfassende, bereichsübergreifende und inhaltlich weit reichende Veränderung - zur Umsetzung von neuen Strategien, Strukturen, Systemen, Prozessen oder Verhaltensweisen - in einer Organisation.
Quelle: Wikipedia
Spannend und bis heute vollkommen ungelöst ist die Frage, wie denn ein derartiger Veränderungsprozess im Radsport aussehen könnte. Noch spannender aber ist, wer denn die Macht hat, diese Veränderung durchzusetzen. Winfried Berner, einer der führenden deutschen Experten für Chance Management, schreibt dazu:
Dennoch ist Macht – und die Bereitschaft, von ihr bei Bedarf Gebrauch zu machen – erforderlich, um notwendige Veränderungen voran zu treiben, die im übergeordneten Interesse notwendig sind, aber nicht den Beifall aller Betroffenen und Interessengruppen finden; dies gilt innerhalb von Unternehmen genauso wie in der Politik.
Quelle: Macht: Voraussetzung für erfolgreiches Change Management
Und erst recht innerhalb von Sportorganisationen, so möchte man hinzufügen; zumal fast alle Player - die Rennställe, deren Sponsoren, die Tour-Veranstalter und viele Medien - selbst Unternehmen sind. Ja, und zumindest auch die Top-Fahrer sind selbst Unternehmen, die unter Umständen einen zweistelligen Millionenumsatz erzielen können.
Die gewünschte Veränderung im Radsport bedarf also eines Mächtigen, der diese Veränderung anstößt, begleitet, voran bringt und notfalls auch mit seiner ihm zur Verfügung stehenden Macht durchsetzt. Doch wer ist dieser Machthaber im Radsport? Es gibt Journalisten, die sagen: Das müssen doch die Radsportler selbst machen! Doch das ist so realistisch als würde man vom Betriebsrat einfordern, zehn Prozent der Stellen zu streichen, weil nur so das Unternehmen als Ganzes gerettet werden könne.
Wer hat also im Radsport diese Macht? Geht man systematisch heran, kommt man unweigerlich auf den Weltradsportverband UCI. Leider ist es eben genau diese UCI, die seit Jahrzehnten Anti-Doping-Maßnahmen sträflich vernachlässigt und Doping systematisch klein redet. Die UCI hätte vielleicht formal die Macht, aber es fehlt ihr an jeglicher Autorität, also der bescheidener auftretenden Schwester der Macht, Veränderungen zu erreichen.
Heute leitet sich Macht viel weniger als früher von formalen Befugnissen ab, Macht entsteht heute aus Glaubwürdigkeit. Und damit kann die UCI beim besten Willen nicht wuchern. Damit scheidet auch eine weitere Organisation als Veränderer aus: Das Internationale Olympische Komitee IOC. Das IOC hat nicht nur selbst ein massives Glaubwürdigkeitsproblem, im Radsport ist die Macht der Olympioniken geringer als etwa in der Leichtathletik oder beim Schwimmen; denn im Radsport ist der sportliche Wert eines Olympiasieges äußerst gering. Im Radsport zählt nur eins: Ein Sieg bei der Tour de France.
Wirkliche Macht und Autorität hat im Radsport nur die Tour de France. Nur wenn die Tour es schafft, einen Veränderungsprozess einzuleiten, kann der Radsport einen glaubwürdigen Anti-Doping-Kampf einleiten. Aber woher hat die Tour ihre Macht und Autorität? Ganz einfach: Die Tour macht den Toursieger, sie bestimmt den Sportler, der sich einreihen darf in die große Riege an Radsportlegenden wie Coppi, Merckx oder Armstrong.
Die Tour de France ist eine Marke im besten Sinne, aufgeladen mit Autorität, die sich aus einer hundertjährigen Geschichte speist. Damit hat die Tour - oder genauer: das Unternehmen ASO, das die Marke Tour de France besitzt - eine Macht, die weit über das hinaus geht, woran viele Menschen bei Marken zuerst denken. Denn sie eignet sich nicht nur dazu, viel Geld zu verdienen, sondern auch Veränderungsprozesse durchzusetzen. Und so ganz nebenbei würde die Tour die unliebsame Konkurrenz der ProTour-Rennen, vor allem aber der beiden anderen großen Rundfahrten Giro und Vuelta, in der öffentlichen Wahrnehmung klar distanzieren.
Öffentliche Wahrnehmung? Das wirft unweigerlich die Frage nach der Macht der Medien auf. Das ZDF möchte ja laut seines Chefredakteurs Nikolaus Bresser, “den Radsport säubern”. Abgesehen davon, dass dies nicht die Aufgabe des ZDF ist, sind Medien nur dann wirklich mächtig, wenn sie im Wesentlichen einheitlich agieren, im Fall des Radsports auch noch international. So lange das nicht geschieht, so lange die einen die Fahrer erst unreflektiert hochjubeln und dann genau so unreflektiert verdammen, die anderen im Schmollwinkel sitzen und gleich gar nicht mehr berichten, ist die Macht der Medien begrenzt.
Unterstützt wird in diesem Fall die Macht der Marke “Tour” noch durch die Tatsache, dass die ASO nicht nur die Tour de France veranstaltet, sondern auch einige weitere wichtige Rennen wie Paris-Nizza, Paris-Roubaix oder Lüttich-Bastogne-Lüttich. Führte die ASO für kommendes Jahr für die eigenen Rennen eine eigene, von der UCI unabhängige und an harte Anti-Doping-Regeln gekoppelte Lizenzierung ein, würde die formale Macht der UCI wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. Der geforderte Systemwechsel aber könnte tatsächlich gelingen. Die Tour muss dazu mit den veränderungswilligen Mannschaften, Fahrern und Veranstaltern zusammenarbeiten, die veränderungsresistenten Player aber konsequent außen vor lassen.
Dieses Beispiel ist faszinierend und erschreckend zugleich. Ein Privatunternehmen besitzt mit seiner Marke mehr Autorität als die gemeinnützigen Organisationen UCI oder IOC, deren wesentlicher Existenzgrund ja gerade Glaubwürdigkeit und Autorität sind oder es zumindest sein sollten. Sicherlich ist diese Situation nicht auf den Sport alleine beschränkt. Sollte sich etwa das W3-Konsortium weiterhin in Diskussionen um einen neuen HTML5-Standard verzetteln, werden es Unternehmen mit starken und positiv aufgeladenen Marken wie Google oder Facebook sein, die ihre Standards zu den wirklich wesentlichen Fragen wie Microformats oder Webservices durchsetzen können.
Eine Marke kann also in der Tat eine reale Macht entfalten. Sie sitzt nicht nur in unserem Hinterkopf, um uns im Supermarkt einzuflüstern: “Kauf Coca Cola! Kauf Coca Cola!”, sondern sie kann die Welt verändern. Zumindest die Radsportwelt.

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