Stefan Fischerländer’s Blog One Blog Is Not Enough

Der Unsinn des Anti-Web-2.0-Manifest

Ich geb’s ja zu, ich bin ein Kind des Web 1.0: 1994 zum ersten Mal im Netz unterwegs, 1995 meine erste Homepage bei Geocities veröffentlicht und 1996 auf der CeBIT Suns Java-Hype auf dem Leim gegangen. Sicherlich liegt es an dieser Web-Biographie, dass ich manch tosender Begeisterung über die aktuellen Web 2.0-Möglichkeiten etwas zurückhaltend gegenüber stehe. Zehn Jahre sind im Web eine Ewigkeit, da hätten die Entwicklungsschritte von Geocities zu MySpace schon etwas größer ausfallen dürfen. Wenn ich also beim Web 2.0-Hype etwas reserviert bin, liegt das daran, dass ich viele der heute so am Web 2.0 gepriesenen Dinge bereits in der Version 1.0 gesehen habe und verzweifelt auf die weiteren Fortschritte warte. Diese Vorbemerkung musste sein, um nun auf Ritchies spannenden Post zu Andrew Keens Anti Web 2.0 Manifesto eingehen zu können.

Zunächst ist festzustellen, dass sich Keens Anti-Web-2.0 Thesen nicht gegen das Web in der Ausprägung 2.0 richten, sondern im Kern gegen das ganze Web an sich. Der Kult des Amateurhaften, wie Keen das Web 2.0 bezeichnet, ist ja bereits im allerersten Byte der HTML-Spezifikation angelegt. Es waren ja weder Informatiker noch Medienwissenschaftler, die HTML und HTTP entwickelten, sondern ein Physiker. Es waren weder Philosophen noch Bibliothekare (bislang für die Ordnung in unserem Wissenswust zuständig), die sich Web-Suchmaschinen ausgedacht haben, sondern Studenten an den amerikanischen Unis. Und es waren weder MTV noch Coca Cola (bislang für die Jugendkultur zuständig), die die großen Communities ersonnen haben, sondern junge neugierige Unternehmer. In Keenscher Diktion alles Amateure.

Keen benutzt den Begriff des Amateurs geradezu als Schimpfwort. Doch was ist das Gegenteil des Amateurs? Richtig, der Profi. Nur zur Erinnerung: Es waren Profis, die die Titanic gebaut haben. Es waren Profis, die die Atomreaktoren von Tschernobyl gebaut haben. Es waren Profis, die die Raumfähre Challenger gebaut und gesteuert haben.

Ritchie fasst Keens Thesen in einem wunderbaren Satz so zusammen: Die Schamgrenze der Menschen fällt, wir brauchen dringend mehr Zensur und Kontrolle. Ums etwas praxisnäher zu formulieren: Weil in Second Life Erwachsene perverse sexuelle Rollenspiele ausprobieren, muss der Staat verhindern, dass ich Bombenbauanleitungen lese, ich könnte damit ja alte Omas in Ebay übers Ohr hauen.

Bei Keen im Originaltext lautet das so:

We have a responsibility to protect people from their worst impulses. If people aren’t able to censor their worst instincts, then they need to be censored by others wiser and more disciplined than themselves.

Ich kann den Keenschen Impuls ja verstehen. Jedesmal, wenn ich mir den Schund ansehe, der täglich in der BILD steht, geht es mir ähnlich. Aber Halt, darum geht es Keen eben nicht: Big media is not bad media - denn die großen Medien haben uns ja schließlich Alfred Hitchcock und Bono gebracht. Aber zurück zur Zensur. Die weiseren Menschen müssen also das primitive Volk vor dessen schlimmsten Instinkten bewahren. So wie die Schweine in Orwells Bauernhof die Schafe und Kühe behüten. Und so wie die Fürsten des Absolutismus ihre Untertanen behüteten - und nur bei dringendem Bedarf an befreundete Fürsten verkauften. Aber was plag ich mich hier damit ab, gegen die (Selbst-)Zensurwünsche anzuschreiben, wenn dazu alles nötige bereits 1931 von Kurt Tucholsky gesagt wurde:

Jedesmal aber, wenn die Technik ein neues Mittel zur Reproduktion von Meinungsäußerungen erfunden hat, fährt den reaktionären Stieseln ein Schreck ins Gebein. »Man kann doch aber nicht jeden Film … « Genau, genau so hat einst die fromme Geistlichkeit gesprochen, als die Buchdruckerkunst aufkam und jedes Buch das Imprimatur des Erzbischofs oder seines Landesherrn tragen musste.

Doch worum geht es denn Keen nun in seinem Anti-Web-Manifesto eigentlich? Im Kern steckt hinter seinen Einwänden die Angst des “Intellektuellen” vor dem “gemeinen Volk”: Wo kommen wir denn hin, wenn jeder seine Meinung nicht nur sagen, sondern sogar veröffentlichen darf? Diese Angst zeugt von einem recht geringen Selbstbewusstsein. Wer wirklich glaubt, etwas zu sagen zu haben, der muss sich vor tausend mittelmäßigen Bloggern doch nicht fürchten. Oder hat unsere “Elite” nur Angst davor, dass ihre Arbeit nicht mehr nur von anderen Mitgliedern der selben “Elite” beurteilt wird, sondern plötzlich die Bürger selbst hinschaun und so mancher “Elitäre” plötzlich intellektuell ziemlich nackt dasteht?

2 Responses to “Der Unsinn des Anti-Web-2.0-Manifest”

  1. ritchie says

    Kann deinem Kommentar nur völlig zustimmen… mir hat’s beim Lesen des Textes die Nackenhaare aufgestellt, auch wenn ich von dem inflationären Begriff Web 2.0 nicht übermäßig viel halte.

  2. nicolas says

    Ich würde sagen es wird nicht lange gehen und wir sind bei Web3.0:-).

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