Web-Frameworks: Alles Java oder was?
In der iX 4/2007 war ich über den vielversprechenden Artikel “Die reine Lehre - Webanwendungen objektorientiert entwickeln” gestolpert. In der siebenzeiligen Zusammenfassung ist unter anderem davon die Rede, dass “Entwickler, die einen rein objektorientierten Ansatz verfolgen”, einfacher zu wartende Webanwendungen programmieren würden.
Das machte mich richtig neugierig, also las ich munter weiter. Meine Erwartung war, dass in diesem Artikel allgemein auf die Vorzüge und womöglich gar Nachteile der Objektorientierung in der Webprogrammierung eingegangen würde. Der Artikel fing denn auch im ersten Absatz damit an, dass ein Verständnis für “das Zusammenspiel von HTML, CSS und Javascript sowie Detailkenntnisse über die Eigenheiten von Browsern” notwendig sei. Das geht doch schon in die erwartete Richtung, so dachte ich mir.
Im folgenden Absatz werden dann “eine Reihe freier und kommerzieller Projekte” erwähnt. Aha, so mein erster Gedanke, jetzt werden Frameworks wie JSF, Ruby-on-Rails oder Django vorgestellt. Als der Autor dann die Aufzählung begann, wurde ich mit jedem erwähnten Namen zunehmend kleinlaut: JSF und Struts waren mir ja, zumindest dem Namen nach, durchaus bekannt. Aber von WingS, Echo2, Millstone, SwingWeb, Swinglets oder WebOnSwing hatte ich noch nie etwas gehört. Doch der Artikel ließ sich von meiner Verwunderung nicht stören und erklärte, er würde nun das “objektorientierte Paradigma von nativen auf Webanwendungen” übertragen und er gedenke dies am Beispiel der Frameworks Millstone und Echo2 zu tun.
Und im nächsten Satz ging’s dann sofort los mit AWT, SWT, Swing und diversen Layoutmanagern. Gut, dass ich schon 1997 meine ersten professionellen Java-Erfahrungen machen musste ähm durfte, sonst wär’ ich spätestens hier ausgestiegen. Doch auch meine Java-Kenntnisse bewahrten mich nicht vor tiefsitzendem Ärger. Der iX-Autor nutzt 27 Zeilen, um allgemein über objektorientierte Webprogrammierung zu reden; in der 28. Zeile steigt er dann unvermittelt in Java-Spezialprojekte ein, ohne das Wort Java bis dahin auch nur ein einziges Mal erwähnt zu haben!
Warum ich mich da so aufrege? Schlechte Artikel gibt es überall, leider auch in so guten Magazinen wie der iX!? Zunächst sei angemerkt, dass der Artikel nicht schlecht ist, beileibe nicht. Er macht nur den Fehler, den ich bei vielen Mitgliedern der Java-Welt feststellen musste: Sie gehen davon aus, dass die ganze Welt in Java programmiert oder sich zumindest um Java dreht. Nur so ist zu erklären, dass ein Autor seinen Artikel mit “Webanwendungen objektorientiert entwickeln” überschreibt, dabei aber die fortgeschrittensten objektorientierten Web-Frameworks Ruby-on-Rails und Seaside komplett ignoriert.
Diese Java-Fixiertheit kannte ich schon aus der Anwendungsentwicklung: Mehr als einmal waren Gesprächspartner verwirrt, als sie im Laufe einer Unterhaltung mit mir über Neomo feststellen mussten, dass Neomo frecherweise nicht in Java, sondern in Perl entwickelt wurde. Ein Partner wollte gar mal unseren Quellcode durch seinen Quellcode-Analysierer laufen lassen und so feststellen, wie gut wir denn programmieren würden. Als ich zurückfragte: “Habt ihr denn da ein Perl-Plugin dafür?”, erntete ich nur ein ziemlich sprachloses Gesicht.
Also, liebe Java-Entwickler, es ist ja schön, wenn Java ein abgeschlossenes Ökosystem bietet und dort alles in reicher Vielfalt vorhanden ist, aber bitte geht doch nicht davon aus, dass sich die ganze Welt nur um Java dreht.

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Da kann ich echt nur zustimmen. Allgemein in den ganze Heise-Publikationen ist mir in letzter Zeit eine ziemliche Java-Lastigkeit aufgefallen, wenn es um Web-Entwicklung geht.
Vielleicht sollten ein paar Leute dort echt mal anfangen, etwas über den Tellerrand hinauszuschauen :-/